Ich war schon dabei, das Radio abzuschalten. Wieder so eine Werbung: „In die Twin Towers in New York ist ein Flugzeug geflogen! Mensch, können die nicht mit ihren Horrorvisionen aufhören? Warum immer so überzogene Geschichten? Ich glaube, das ist der neue Spider-Man! Hab ich wohl irgendwo aufgeschnappt.“ Es war der 11. September 2001! Und, aus einem mir selbst nicht bewussten Grund, ließ ich das Autoradio noch etwas an und lauschte, den Motor abgeschaltet, noch eine Weile. Die Werbung für den Film hörte nicht auf! „Wahrscheinlich, hab ich da was falsch verstanden!“, dachte ich noch und stieg aus. Die Sauna wartete.
Aber, wie ich sehr bald erfuhr, wurde da nicht für einen neuen Spider-Man-Film geworben, sondern einfach die brutale Wahrheit berichtet. In der ersten Zeit nach dem Anschlag war ich in einer seelischen Starrheit gefangen, ob der Brutalität und des Hasses, die sich hier offenbarten. Dann aber begann ich, mir Gedanken über die Ursachen, Motive und Hintergründe zu machen und habe seitdem nicht mehr damit aufgehört.
Hass wird zum großen Teil von Unkenntnis und Vorurteilen erzeugt und genährt. Ich aber war als Informatiker darin ausgebildet, Informationen zu sammeln, zu deuten, zu speichern und sie anderen Menschen zugänglich zu machen. Somit begann ich Informationen darüber zu sammeln, wie man den Hass erkennt und möglicherweise überwinden kann. In dieser Stimmung kam mir, einem Orchester lauschend, der zweite Gedanke, der sich hier einfügte. Der Wohlklang des Musikstücks, die Harmonie, ergibt sich dadurch, dass die verschiedenen Instrumente ihre eigene Partitur spielen. Nicht alle spielen das Gleiche, sondern nur den dem Instrument zugewiesenen Teil, der das Gesamtwerk für die Hörer*innen zum gelungenen Erlebnis werden lässt. Würden hingegen alle die erste Geige spielen wollen, würde sich keine Harmonie ergeben. Die Orchesterleitung versucht dabei, die Spielenden so zu fördern, sie anzuweisen und auch zu ermahnen, dass das Gesamtergebnis möglichst optimal wird.
Wäre es nicht sinnvoll, so dachte ich mir, auch eine Harmonie in der Gesellschaft anzustreben, in der alle befördert werden würden, aber auch alle ihr Möglichstes leisten müssten, um die Gesellschaft als Ganzes optimal zu gestalten und damit den zukünftigen Herausforderungen bestmöglich zu begegnen.
Was ergibt sich daraus für die Einzelnen? Alle Mitglieder des Orchesters müssen bestrebt sein, dass das Stück gelingt und müssen sich dafür auch verantwortlich fühlen. Dies aber werden sie nur tun, wenn sie selbst ernst genommen werden und sich als elementaren Teil des Orchesters fühlen. In der Gesellschaft übernehmen ebenfalls nur diejenigen Verantwortung für die Gesamtheit, die sich als ernst genommene Teile der Gemeinschaft empfinden und weder ausgegrenzt noch missachtet werden. Und jeder Mensch ist ein unverwechselbares, einzelnes Individuum, womit es keine Gemeinschaft der Gleichen gibt, sondern einen Zusammenschluss der Ungleichen. Damit aber werden die Möglichkeiten erweitert, denn die Fähigkeiten der Gesamtheit übersteigen die Summe der Fähigkeiten der Einzelnen, weil diese sich ergänzen und potenzieren. Was wäre ein Orchester, das nur aus Oboen besteht – zumindest etwas eingeschränkt.
In einem Orchester gibt es Formationen - die Geiger, die Blechbläser … - die nicht nur in sich selbst stimmig spielen, sondern auch mit anderen Gruppen harmonisch interagieren müssen, damit das Gesamtwerk gelingt. Auch in der Gesellschaft gibt es Untergruppen - die Familie, den Freundeskreis, den Betrieb, die Interessenverbände ... -, die selbst Harmonie erstreben und kompromissbereit sein müssen, um ihre Fähigkeiten zu potenzieren und voranzukommen. Um andere wahr- und ernstnehmen, um sie fördern und fordern zu können, braucht es des Austauschs innerhalb einer Gruppe, zwischen den verschiedenen Gruppen und auch die Selbstreflexion der Einzelnen. In einer harmonischen Gesellschaft muss ein fortwährender Diskurs und eine ständige Kommunikation – basierend auf Fakten, Empirie, aber auch Empathie - stattfinden, in der alle gewillt sind, die Meinung der anderen zu achten, sie zu hinterfragen, aber auch zuzuhören und die eigene Meinung ohne Gesichtsverlust zu ändern. Um uns selbst integrieren zu können, müssen wir uns unserer eigenen Identität sicher sein. Und dazu brauchen wir den Mitmenschen, der als „Spiegel“ die Außenansicht in unsere Selbsterkenntnis mit einbringen kann. Wenn die Identitätsfindung aber nicht als Schritt hin zu den anderen Menschen verstanden wird, sondern als Abgrenzung, geht eine mögliche Harmonie mit der Gemeinschaft verloren. Der sich selbst ausgrenzende Mensch verliert seine Heimat und seinen Halt.
Eine Gesellschaft kann sich nur optimal entwickeln, wenn jedes ihrer Bestandteile mit größtmöglichem Wirkungsgrad agieren kann. Die Einzelnen können ihre Möglichkeiten nur dann bestmöglich umsetzen, wenn sie so weit wie möglich ermutigt und so wenig wie möglich behindert werden. Wir alle gehören außerdem zu verschiedenen Gemeinschaften, auf die wir wirken und die auf uns Einfluss ausüben. Familie, Betrieb, Gesellschaft etc. aber auch die Gemeinschaft aller Menschen wirken auf uns und wir auf sie. Damit ist aber niemand unbedeutend oder unwichtig, sondern alle können über ihre eigene Umwelt letztendlich bis hin zum Kosmos positiv wirken. Und diese Wirkung ist umso größer, je besser sich die Einzelnen verwirklichen können, ohne anderen Schaden zuzufügen.
Jede Gruppe einer Gesellschaft kann nur dann optimal funktionieren, wenn alle ihre Teile bestmöglich einbezogen werden. Gesellschaften brauchen Ressourcen, um funktionieren zu können. Und diese sind begrenzt! In einer Leistungsgesellschaft werden diese Ressourcen durch die Einzelnen erarbeitet, vererbt oder durch Tradition verteilt. Da hier aber nicht das Gelingen der Gesamtheit im Vordergrund steht, sondern meist das einzelne Individuum, streben alle nach maximalem Ressourcenbesitz. Weil Ressourcen aber begrenzt sind, wird sich an verschiedenen Stellen eine Anhäufung bzw. ein Mangel ergeben. Und die Gesellschaft kann nicht optimal arbeiten, weil damit verschiedene Mitglieder, einfach aus Mangel an Ressourcen und Chancen, ihre Fähigkeiten nur begrenzt einbringen können. Musiker*innen nutzen dem Orchester wenig, wenn sie schlechte Instrumente oder keine Instrumente zum Spielen haben.
Auch die Weltgemeinschaft kann nur optimal arbeiten, wenn die Ressourcen so aufgeteilt sind, dass die Gesamtheit optimal funktioniert und alle davon profitieren. Was nutzt es dem reichen Norden, wenn sich dort der Großteil der Ressourcen sammelt, diese aber in anderen Teilen der Welt ebenso gebraucht werden? Probleme wie die Klimaentwicklung, aber auch Pandemien oder Hungerkatastrophen, können nur global gelöst werden. Wenn wir nicht Teile unseres Planeten aufgeben wollen, müssen wir dafür sorgen, dass alle Menschen optimal arbeiten können. Eine so aufgebaute Gesellschaft hat Ihre Kräfte optimiert und durch den beständigen Diskurs entwickelt sich ein Verhalten, das man in der Künstlichen Intelligenz als Schwarmintelligenz bezeichnen könnte.
Nun sehen wir aber, dass diese Ideale auf keine real existierende Gesellschaft zutreffen. Ist also ein solches Weltbild nicht pures Wunschdenken und ohne reale Umsetzungsmöglichkeit? Ist der Mensch nicht sowieso schlecht und unverbesserlich? Ich habe schon geschildert, dass ich mich seit nunmehr über 20 Jahren damit beschäftige, wie der Hass zu überwinden ist. Wer der Meinung ist, der Mensch sei von Natur aus böse, kann meinem Weg nicht folgen! Wer glaubt, nur die Stärkeren würden sich durchsetzen, wird erkennen müssen, dass die Menschheit nicht zu den Stärkeren gehört. Wir sind als Spezies nur so erfolgreich gewesen, weil wir uns erfolgreich gegen Stärkere durchgesetzt haben. Dazu brauchten wir Intelligenz, Schläue und Anpassungsvermögen, Stärke allein hätte nicht ausgereicht.
Statt sich über junge Menschen zu freuen, die Verantwortung für die Zukunft empfinden, versuchen manche Verantwortlichen sie auszugrenzen oder sie nicht ernst zu nehmen. Dies empfinde ich aber als einen ebenso großen Fehler, wie den anderen Menschen nur wegen seines Alters oder seiner Ethnie auszugrenzen. Es gibt auch alte, weiße Männer, die positiv auf die Zukunft einwirken können. Nur, wenn wir allen die Gestaltung dieser Zukunft ermöglichen, werden wir genug Kraft entwickeln können, diese auch zu meistern. Und was bleibt uns übrig, wenn die Probleme, die auf die Menschheit zukommen, so gewaltig sind. Sollten wir nicht langsam einsehen, dass wir nur wirklich alle gemeinsam, eine Überlebenschance haben. Die Flüchtlinge, die nach Europa drängen und wie wir auf sie reagieren, macht eine Diskussion über unsere gemeinsamen Werte und unsere Verantwortung notwendig. Die Pandemie und der Ukraine-Krieg mit all ihren verheerenden politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen haben uns unsanft auf Defizite in unserer Gesellschaft aufmerksam gemacht. Wir brauchen eine gesellschaftliche Neuausrichtung und eine breite Diskussion darüber.
Eine neue Gemeinschaft, die auf die Probleme der Zukunft besser vorbereitet ist, wird sich nicht in kurzer Zeit realisieren lassen, sondern es wird vielmehr Jahrzehnte dauern, und es setzt den Willen zur Aussöhnung zwischen den verschiedenen Gruppen voraus. Es wird ein ständiges Bemühen werden, gleich einem Seiltänzer, der ständig um sein Gleichgewicht kämpft. Und so weiß ich auch, dass ich niemals das Ziel erreichen werde, will aber den Rest meines Lebens auf dem Weg bleiben.
Karsten Hartmann: Über die Harmonie (Harmonie-Zyklus 1) Sachbuch
Karsten Hartmann: Ein Museumsbesuch (Utopie-Zyklus) utopischer Roman